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Handys unter Leinenkutten

Für Außenstehende mutet es an wie Karneval, für viele Beteiligte ist es ein Ausflug in die Geschichte: Das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum lockte am Wochenende mehrere Tausend Mittelalter-Fans in den Fredenbaumpark.

Schon am Parkeingang empfängt die Besucher ein süßlich rauchiger Geruch. Menschen mit Kettenhemden, scheppernden Rüstungen und langen, Glöckchen behängten Kleidern strömen zur Festwiese, wo die Band «Heidenlärm» das Lager in historische Klänge taucht.

Nebenan proben freie Horden, Bauern und Heerscharen den Aufstand: «Wir wollen Sold!» brüllen Hunderte mittelalterlich gekleidete Heerlagerer so nachhaltig, bis Marktvogt Eduard von Sonnenberg für jeden einen Silberling für ein Getränk herausrückt.

Unter ihnen auch der Dortmunder Marco Stippich, der seinen Sold mit seiner Frau Stephanie und ihren Freunden Nadine und Steffen Kucias sowie Jürgen Szhymiczek in das gemeinsame Lager «Lifthrasir» (altnordisch für Neuanfang, Lebenskraft) am Rand der Festwiese trägt.

Seit drei Jahren tauschen die fünf Freunde mit ihren Kindern drei- bis viermal im Jahr ihren Alltag gegen Kleidung und Gewohnheiten der Wikinger. Und reisen dafür auch nach Telgte, Gelsenkirchen, Bückeburg und Hamm.

Gemeinschaft

«Das Flair und das Gemeinschaftsleben des historischen Lagers machen den Reiz dieses Wechsels aus», spricht Szhymiczek für die Stimmung im Lager «Lifthrasir», in dem die Hobby-Wikinger vom Tisch bis zu den Schuhen alles selbst genäht und gezimmert haben.

Im richtigen Leben sind sie Gärtner, Zeitsoldat, Kaufmann, Studentin und Diplompädagogin. Doch für die Zeit des Mittelalter-Festivals hausen sie wie Bauern in einfachen selbst genähten Kleidern unter Zeltplanen, kochen ihr Essen im Eisenkessel und sorgen dafür, dass das Feuer nicht erlischt. Denn das muss während des ganzen Festivals brennen, so die Vorgabe des Veranstalters. «Außerdem dürfen wir im Lager nicht rauchen und keinen neumodischen Kram haben», ergänzt Steffen Kucias.

Doch ganz verzichten müssen sie auf ihren Lebensstandard nicht: Toilettencontainer, Duschen, Wasserentnahmestellen bis zu Stromaggregaten erleichtern den Zeitsprung und nehmen dem Mittelalter den abschreckenden Mief. Auch Handys und Zigaretten sowie Bierflaschen und anderer «neumodischer Kram» wie Luftmatratzen und Wegwerfwindeln lugen unter Decken und Kutten hervor. Aber versteckt, nach außen soll alles authentisch aussehen.

Pestumzug

«Mit diesem Festival der leisen Töne zeigen wir die Sonnenseite des Mittelalters, so, wie die Menschen es sich in ihrer Phantasie vorstellen», räumt Edwin Ball, Pressesprecher in der Gegenwart und Marktvogt im Mittelalter, ein. Auch der Pestumzug zeige allenfalls «Schaubilder, die an der Realität des Mittelalters kratzen».

Heike Thelen